Dialog: Terra Incognita

DigiRex Audiofiles - E02

Vor dreizig Jahren (1991) entstand das Bild "Terra Incognita" von Michel Sperlich – Mischtechnik auf Leinwand, 80 x 80 cm. Am 27.01.2021 eröffnete Silvia Sperlich den Dialog mit dem Künstler, zum Hintergrund und der Entstehung des Gemäldes.

Viel Spaß beim Hören.

Mischtechnik auf Leinwand, 80 x 80 cm

DigiRex Audiofiles Episode 02: Transcript

Hallo und herzlich willkommen zu einer weiteren Episode von den DigiRex Audiofiles, heute Terra Incognita. Gestern befand ich mich in einem wunderbaren Dialog mit meiner lieben Frau Silvia zu meinem Bild Terra Incognita, das ich ihr Anfang der 90er Jahre gemalt habe. Es ist ein 80 x 80 cm großes Bild auf Mischtechnik, auf Leinwand, mit ganz unterschiedlichen Materialien und Techniken umgesetzt. Ausdrucke, Gemaltes, Strukturiertes, mit Acryllacken und sehr geschichtet, sehr geheimnisvoll, deswegen auch so ein bisschen der Titel. Aber genau das hat sie dann gestern so aus mir herausgekitzelt. #00:00:58.0#

Michel Sperlich: Was steckt eigentlich hinter dem Titel und dem Bild Terra Incognita? #00:01:04.6#

Silvia Sperlich: Ich habe jetzt gerade noch mal intensiver zu dem Bild geschaut, das wir hier hängen haben. Gerade weil wir jetzt auch Sushi hatten und Reiswein, ganz besonders leckeren Reiswein, der ganz viele Aromen rauskristallisiert hat. Und weil es immer so filigran, habe ich mir auch dieses Bild genauso filigran angesehen. Und trotzdem ist immer mein erster Blick, wenn ich das sehe, ein Totenkopf und darüber ist ganz dezent wahrnehmbar, also man muss schon sehr genau hinschauen, Terra Incognita. #00:01:53.8#

Michel Sperlich: Mhm (bejahend). Terra Incognita, ja. #00:01:56.0#

Silvia Sperlich: Und dann sind da diese Silhouetten von solchen Dornengehölzen. Und dann ganz strenge Linien, die, was eigentlich an so eine Darstellung, so einer japanischen Papierkunst erinnert. Michel, erzähl doch mal was darüber. #00:02:20.2#

Michel Sperlich: Die Terra Incognita, das ist ja eine ganz alte Geschichte oder eine alte Sache, die irgendwann mal dafür benutzt wurde, dass die Menschheit in der Zeit der Entdeckung, also als da James Cook und wie sie alle hießen, Magellan und so weiter, in der Gegend rumgefahren sind mit ihren Schiffchen und haben dann irgendein Land entdeckt. Und dann gab‘s aber diesen Atlas oder diese Land-Weltkarte, die da gemalt wurde. Da gab’s immer die Meinung, es gibt irgendwo noch ein Land, das unentdeckt ist und das man noch nicht gefunden hat. Und weil man es noch nicht gefunden hat und weil man noch nicht weiß, wie es heißt, hatte man das damals Terra Incognita genannt, also die Erde, die praktisch nicht benannte Erde oder Land. #00:03:19.4#

Silvia Sperlich: Gibt’s da nicht auch einen Roman oder eine Geschichte, die sich so nennt? #00:03:23.8#

Michel Sperlich: Das mag natürlich sein, aber wie gesagt, das ist halt so wie bei den Amerikanern der John Doe, der Max Mustermann bei uns. Wenn du irgendwie was auf eine Karte druckst und du weißt noch nicht, wie der Kerl heißt, dann ist es da bei uns eben der Max Mustermann … #00:03:41.5#

Silvia Sperlich: Oder Michaela Mai. #00:03:42.7#

Michel Sperlich: Oder Michaela Mai. Und bei den Amerikanern ist es der John Doe. Und bei den Entdeckern war es eben diese Terra Incognita, dieses unentdeckte Land. #00:03:53.5#

Silvia Sperlich: Das passt wunderbar. #00:03:56.9#

Michel Sperlich: Das hat mich schon immer fasziniert, dass man immer davon ausging, wir haben die Welt erkundet, aber da gibt’s bestimmt immer noch irgendetwas. Also wir haben im Hinterkopf oder so wie ein Trumpf in der Hand oder im Ärmel haben wir halt noch was, und das ist diese Terra Incognita. Und deswegen fand ich das als Begrifflichkeit oder auch natürlich immer spannend. Oder auch, wenn du das jetzt für Bildmotive halt siehst. #00:04:24.1#

Silvia Sperlich: Ja, aber wie hast du jetzt speziell diesen Begriff in Verbindung gebracht mit der Aufnahme? Du hast da Salinen, oder? #00:04:35.5#

Michel Sperlich: Viele, ja, ja, also in dem Band, auf dem auch der Schriftzug auftaucht, das ist in der Tat eine adaptierte Fotografie der Salinen Bad Orb, die ja eine Besonderheit haben. Also gut, ich weiß nicht, ob es eine Besonderheit ist, aber man geht innerhalb der Salinen durch diese Inhalation. #00:05:02.6#

Silvia Sperlich: Ja, das ist mit Sicherheit eine Besonderheit. #00:05:04.1#

Michel Sperlich: Also hier jetzt, bei uns halt in Bad Kreuznach oder in Bad Münster ist es ja so, du gehst um die Salinen rum und da inhalierst du das oder du setzt dich davor. #00:05:14.7#

Silvia Sperlich: Ja! #00:05:15.2#

Michel Sperlich: Und da, in Bad Orb ist es halt wirklich so bei der Hauptsaline, die haben ja auch mehrere, da gehst du wirklich durch einen Mittelgang und links und rechts, deswegen ist es auch recht düster oder dunkel, wie man es ja auch sieht, gehst du dann dadurch. #00:05:30.8#

Silvia Sperlich: Ja, wunderbare Adaption. Also man geht durch die Salinen wie durch einen Tunnel und nimmt das Rundherum gar nicht wahr. Man atmet diese solehaltige Luft und geht in das unbekannte Land. #00:05:47.3#

Michel Sperlich: Genau. Und außen rum hast du ja auch diese Aufnahmen von, also es sind eigentlich Winterbäume, also Bäume, die einfach kein Laub haben und die durch diese Bearbeitung, dass es eben wie so eine Bitmap-Grafik ist, also es gibt halt nur schwarz und weiß, deswegen sind das halt so ganz dürre Äste ohne Laub im Winter, die eben diese ganz starken Kontraste und Konturen haben. #00:06:17.0#

Silvia Sperlich: Weißt du noch, was das für Bäume waren? #00:06:19.1#

Michel Sperlich: Ja, das weiß ich noch ziemlich genau. Da war ich mit Guido in Hedersleben in der ehemaligen DDR, kurz nach der Befreiung unserer osteuropäischen Nachbarn. Aber da sind wir herumgestreift und haben da viel fotografiert. Wir wollten ja Siebdruck und alles Mögliche machen. Und da hatte ich diese Aufnahmen gemacht von diesen Bäumen, also von unten in die Bäume rein fotografiert, und die hatten halt alle kein Laub. Ich weiß gar nicht, in welcher Jahreszeit wir da waren. Generell … #00:06:53.9#

Silvia Sperlich: Ja gut, wohl Winter? #00:06:55.9#

Michel Sperlich: Na ja, es ist … #00:06:57.2#

Silvia Sperlich: Das sieht schon sehr karg aus. #00:06:59.2#

Michel Sperlich: … es ist ja aus diesem Kreativ-Aufenthalt, der hatte uns alles abverlangt, da haben wir wirklich, unser Tiefpunkt war, dass wir Star Trek Next Generation Klebealben befüllt haben und den Forsthaus Falkenau geguckt haben, weil wir kamen wirklich nicht klar mit der Umgebung. Also wir haben die absolute Ruhe, Abgeschiedenheit, alles okay, aber auch diese Kontakte, die wir mit Eingeborenen hatten, die waren wirklich sehr speziell. Wir sind in eine Kneipe gegangen und dachten, jetzt komm, wir trinken mal ein Bierchen, und da ist wirklich alles verstummt, weil wir reingekommen sind. Es war alles sehr, sehr skurril. Und das hat uns … #00:07:57.2#

Silvia Sperlich: Also wie in so einem Saloon im Western? #00:07:59.8#

Michel Sperlich: Ja, ja. Also es war wie im Western, nur dass es ein Eastern war, wir waren halt im Osten. Und wir kamen da rein und der Klavierspieler hielt inne, hatte noch seinen Zigarrenstummel im Mund. Der Barkeeper hat im Polieren des Glases innegehalten und alle Kartenspieler drehten sich um. Also wir haben uns da sehr unwohl gefühlt und auch in Gesprächen, was macht ihr, woher kommt ihr? Wir haben denen dann erklärt, wir kommen aus, was weiß ich, bei Frankfurt und wir wollen jetzt hier künstlerisch irgendwas machen. Das Einzige, was denen einfiel zu Frankfurt, war die Kaiserstraße und Bordelle. Das kannten auch die Ossis. Und das war alles, was sie dazu beitragen konnten. Also laut deren Aussage haben wir uns praktisch von den Bordellen hier erholt, so ungefähr, und wollten dann Kunst machen. Aber das war alles so schräg. Oder auch vielleicht dieser Druck, den wir uns da auferlegt haben, komm, lass uns vier Wochen lang jetzt da in Kunst machen, dass wir das einfach nicht gepackt haben. Aber es sind halt ein paar Sachen hängengeblieben. Es gibt auch ein paar andere Fotos, die muss ich dir noch mal zeigen. Da haben wir so eine Trabi-Beerdigungsstätte gefunden, wirklich hinterm Hügel war plötzlich so ein Fleck, da standen vier, fünf Trabis im Kreis und die waren alle abgebrannt. Die waren völlig ausgebrannt, als hätte man die wie so ein Ritual mit Benzin übergossen und abgefackelt. Also da gibt’s auch noch jede Menge Fotos. Aber irgendwo in dieser Gegend, viele Weiden und Äcker und so, habe ich diese Bäume aufgenommen. Also auch das, ich meine, diese Geschichte nur mal als Hintergrund, dieses Terra Incognita, diese unbekannte oder das unentdeckte Land, hatte auch was damit zu tun, diese Osthälfte Deutschland, die gerade geöffnet wurde, war für uns ja auch unentdecktes Land, unbekanntes Land. Und das ist das, was … #00:10:20.3#

Silvia Sperlich: Wir aber auch für die. #00:10:21.7#

Michel Sperlich: Ja, um Gottes Willen, das geht in beide Richtungen. #00:10:24.6#

Silvia Sperlich: Heute sind wir alle glücklich zusammen, … #00:10:27.8#

Michel Sperlich: Ja, ja. #00:10:28.6# Silvia Sperlich: … aber wir waren ja zwei Fremde, die aufeinandergetroffen sind. #00:10:33.3#

Michel Sperlich: Das will ich ja auch gar nicht sagen, dass es nur einseitig war. Das ist beidseitig, die haben uns angeguckt wie Fremde und wir haben die angeguckt wie Fremde. Das ist ganz klar. Nur, als ich dann an diesem Bild gearbeitet habe, sind mir genau diese Fotos von diesen Bäumen dann irgendwann in die Hände gefallen und da habe ich gesagt: Ja klar, das war, obwohl das vertraute Bäume, also ein Baum ohne Laub ist eigentlich relativ vertraut, hat man schon öfters gesehen, aber man hat es auch vielleicht schon fotografiert, aber genau diese Laubbäume, waren mir halt doch sehr fremd. Was man jetzt in den Streifen sieht, hier mit diesen Füßen, also wo ich immer, wenn ich von unten nach oben fotografiere, ja gut, das ist natürlich, denn du weißt, hier ist ja auch Schnee drauf. Es war irgendwie mit Schnee, also deswegen ist das so weiß, diese Streifen da. Hier sind meine Füße, da ist mein Mantel, den kann man noch erkennen. Und es hat Schnee gelegen und da habe ich dann diese Aufnahmen gemacht. Deswegen haben die Bäume natürlich auch logischerweise keine Blätter. Also dieses im Schnee stehen und diese Landschaft aufnehmen, … #00:11:56.1#

Silvia Sperlich: Wieso sind da deine Füße? #00:11:58.4#

Michel Sperlich: Naja, also hier kannst du es noch erkennen, das ist ein Fuß und da liegt auch schon Schnee drüber. Und was du hier siehst, da ist mein Fuß, hier ist mein Fuß. Und das ist … #00:12:09.5#

Silvia Sperlich: Ja, aber das ist doch der Baum dann? #00:12:11.8#

Michel Sperlich: Ja, das ist der Baum, aber diese Bahn hier, das sind ja Fotografien, die ich gemacht habe, stehend, Kamera nach unten, meine Füße im Schnee und dann nach oben fotografiert. #00:12:25.5#

Silvia Sperlich: In Bewegung. #00:12:26.2#

Michel Sperlich: In Bewegung. #00:12:26.9#

Silvia Sperlich: Das Bild war in Bewegung. Ach so! #00:12:29.3#

Michel Sperlich: Ja, ja, das war in Bewegung. Oder in mehreren Fotos #00:12:31.8#.

Silvia Sperlich: Ja, das ist aber eine wichtige Information, … #00:12:34.4#

Michel Sperlich: Oder ich habe es halt … #00:12:35.1#

Silvia Sperlich: … sonst kann man das gar nicht nachvollziehen. #00:12:37.2#

Michel Sperlich: Ich habe wieder geschwenkt, ich habe Fotos gemacht. Also das war noch analog in der Zeit. Also ich habe noch ein Foto gemacht, Kamera nach unten gehalten, Foto gemacht. Dann die Kamera etwas nach oben, wieder ein Foto gemacht, wieder nach oben, Foto gemacht, wieder nach oben, Foto gemacht. #00:12:57.1#

Silvia Sperlich: Ach so! #00:12:57.2#

Michel Sperlich: Und diese habe ich dann hier zusammengesetzt, diese Bahnen. Also das, was weiß ist, also hier siehst du auch noch den Horizont. #00:13:05.8#

Silvia Sperlich: Ich glaube, das Ganze müssen wir noch mal in einem Video machen, dass unsere Zuhörer verstehen, worüber du da redest. #00:13:13.3#

Michel Sperlich: Da tun wir mal, … #00:13:13.9#

Silvia Sperlich: Damit sie das nachvollziehen können. #00:13:15.2#

Michel Sperlich: … tun wir ein paar Bilder dazu, dann versteht man das schon. Also das sind diese Bahnen und hier siehst du den Horizont. Also im Grunde ist das ein Acker, und der ist beschneit, und dann ist hier der Horizont. Und das ist einfach so der graue Himmel. Aber diese Bäume, die teilweise natürlich ineinander, also mehrere Bäume ineinander, das sind die Bäume, die im Prinzip direkt über mir auch waren an dieser Stelle. #00:13:47.4#

Silvia Sperlich: Ja. Ich kann‘s mir jetzt vorstellen. #00:13:49.5#

Michel Sperlich: Und dann dazwischen sind immer diese Farbstreifen, dieses Rot und das Gelb. Aber dadurch, dass das ja so viele Lagen da übereinander sind, inklusive dieses Transparentpapiers, ist das halt so entstanden. Und Bad Orb hat ja mit der Sache gar nichts zu tun. Das war jetzt einfach nur ein Motiv, was irgendwie gepasst hat. #00:14:26.2#

Silvia Sperlich: Ja, die Aussage des Bildes halt noch mal unterstrichen hat. Weil dieser Lauf durch diese Salinen, also umfangen von diesen Gehölzen, wo das Solewasser herunter rieselt, im Zusammenhang dann gesehen mit dem Terra Incognita, das unterstreicht das Ganze ja noch mal in der Bildaussage. Von daher finde ich den Ort sehr gut gewählt als … #00:14:54.4#

Michel Sperlich: Na ja, wenn du das erste Mal … #00:14:55.8#

Silvia Sperlich: … Zentrum für diese Bildgeschichte. #00:14:59.6#

Michel Sperlich: Also, wenn du das erste Mal durch diese Salinen läufst, dann weißt du ja auch nicht wirklich genau, wo du da bist und wo du da wieder rauskommst, also so ungefähr. Das ist einfach ein dunkler Tunnel, um dich rum ist dieses Wasserrieseln, diese Gerüche, die du wahrnimmst. Die Helligkeit, die hier ist, also weil das hier so hell ist, das ist der Quergang. Also du hast so einen Längsgang, der einmal die gesamten Salinen durchtrennt und dazu gibt’s halt noch Querverbindungen. Und die bringen dann wieder Licht rein. Wenn das nur ein langer Gang wäre, wäre das die ganze Zeit duster. Da kommt also dieses Licht rein und wenn natürlich der Gang von hier so dunkel ist, dann hast du hier, wenn du ein Foto machst, logischerweise immer diese Überbelichtung. Das ist überbelichtet da, wo der Lichteinfall ist, aber man weiß nicht wirklich, wo man da langgeht. Also gut, man geht jetzt davon aus, dass in Bad Orb nichts Schlimmes passiert, aber … #00:16:10.1#

Silvia Sperlich: Gut, für mich als Betrachter ist es natürlich jetzt so, dass dieser Lichttunnel und unten wird es noch mal, läuft das so ein bisschen bläulich aus, wo es dann so überbelichtet wirkt und dann der Schriftzug von Terra Incognita drüber, und bei meinem ersten Blick ergibt sich genau in diesem Bildzentrum immer diese Form eines Totenkopfes. #00:16:40.4#

Michel Sperlich: Das ist dieses Gebälk. #00:16:42.5#

Silvia Sperlich: Ja, aber … #00:16:43.2#

Michel Sperlich: Das Gebälk von den Salinen. #00:16:45.4#

Silvia Sperlich: … wie sich das jetzt zusammensetzt, ist klar, sobald man die Informationen hat. #00:16:48.3#

Michel Sperlich: Ja, das hat sowas … #00:16:47.7#

Silvia Sperlich: Aber in der Erstwahrnehmung ist es, man sieht dieses Rosengestrüpp, was eigentlich dann Bäume von unten belichtet darstellt, und dieses Gerüst der Salinen. Trotzdem ergibt sich eine Wahrnehmung, die ungewollt oder gewollt, keine Ahnung, ist es gewollt? Das hat dich nicht überrascht, dass ich den Totenkopf wahrnehme, … #00:17:20.3#

Michel Sperlich: Nein, das habe ich auch … #00:17:21.3#

Silvia Sperlich: … also gehe ich mal davon aus, dass du das so … #00:17:23.8#

Michel Sperlich: Aber gewollt, weiß ich nicht. Aber ich habe ihn auch schon da gesehen. #00:17:26.3#

Silvia Sperlich: Hm! #00:17:26.8#

Michel Sperlich: Also ich hab's jetzt nicht gemacht, weil ich die Assoziation heraufbeschwören wollte von dem Totenkopf, sondern ich habe auch gemerkt, dass man das sehr leicht so interpretieren kann, und ich hab's auch schon drin gesehen. Also es hat mich nicht verwundert, als du gesagt hast, da ist doch ein Totenkopf. Das war jetzt nicht so weit weg, dass ich sage, nein, nein, sehe ich nicht. Also ich kann das nachvollziehen, das hat sowas, dieses schräge Gebälk, das ergeben irgendwie diese Augen oder dieses Gebiss, wie man das von so einem stilisierten Totenkopf her kennt. Keine Ahnung, vielleicht ist das aber auch gar nicht verkehrt, weil das unentdeckte Land kann ja auch sowas sein wie, wenn du so eine Assoziation zum Totenkopf hast, ist das ja auch so ein bisschen hin zum Tod. Und der Tod ist ja auch etwas für uns, zum Glück zu Lebzeiten ein völlig unbekanntes unentdecktes Land. Und deswegen, wenn der darin auftaucht, ist das ja sehr stimmig, weil den Tod möchte ich ja nicht zu Lebzeiten erforschen oder erkunden. Sondern das ist eben was, was dann nach dem Leben etwas ist, was man entdeckt. #00:19:01.8#

Silvia Sperlich: Gut! Also das ist in der Tat meine Erstwahrnehmung gewesen, als ich das Bild zum ersten Mal gesehen habe. Trotzdem ist das Bild inzwischen eins meiner Lieblingsbilder geworden. Ich habe trotz der Warnungen des Totenkopfes keine negative Verbindung. Das hat in Verbindung mit den warmen Rottönen, diese sehr strengen Linien, die noch zu sehen sind, hat das trotzdem was ganz, ganz einhüllend Warmes. Also ich fühle mich nicht verloren, sondern eher wie dieser Lichtpunkt mit dem Tunnel, der eigentlich durch die Salinen gegeben ist, dass da irgendwo am Ende dieser Saline wieder ein Austritt ist ins Helle. Und so sehe ich das eigentlich. Ich befinde mich gerade in einem Gestrüpp und trotzdem habe ich den Blick nach draußen. Ich sehe wieder das Licht und ich sehe eine Befreiung. Ich komme da raus und ich sehe das Positive, das ich daraus gewinnen kann. Und eigentlich habe ich eine warme Verbindung zu dem Ganzen. Hattest du bei dem Schöpfen dieses Bildes einen besonderen Ansporn, was du ausdrücken wolltest oder hat sich das jetzt einfach so ergeben? Oder interpretiere ich jetzt von meiner Seite zu viel rein? #00:20:57.3#

Michel Sperlich: Nein, nein. Ich meine, das hat ja immer was mit Entdecken zu tun. Also etwas Unbekanntes entdecken muss ja nicht etwas Negatives, Furchteinflößendes sein, sondern du kannst dich auch darauf freuen. Also, wenn du jetzt, keine Ahnung, einmal die Woche kommt eine neue Folge deiner Lieblingsserie, dann freust du dich darauf. Du hast eigentlich keine Angst davor, oh, eine neue Folge, ah, wer weiß, was passiert. Sondern du hast, also von daher ist dieses Terra Incognita etwas, was ich eigentlich nie als negativ empfunden habe. Wenn es irgendwo auf der Welt noch ein unentdecktes Land gibt, ist das einfach spannend im positiven Sinne. Eigentlich erhofft man sich doch dann da auch wieder, dass man da, was weiß ich, neue Pflanzen, neue Blumen, neue Menschen, neue Völker, alles entdeckt, aber nicht unbedingt hat man diese Intension, dass das was Negatives ist. Also nicht wie, im Science Fiction ist es halt immer ganz oft so, wir entdecken einen neuen Planeten oder umgekehrt, der Planet entdeckt uns, und dann sind das immer Gefahren aus dem Weltall. Das sind immer Böse, die kommen, oder wir entdecken Böse. Ist ja auch ein unentdecktes Land und dann ist da irgendwas Negatives. Das habe ich da eben nicht so gesehen und habe auch gar nicht das damit gemeint. Sondern für mich ist das der positive Entdeckerdrang, so wie ein James Cook aufgebrochen ist, lasst uns da rausfahren, jahrelang auf hoher See mit ein paar Mann. Das machst du ja nicht aus einem negativen Anlass. Also komm, lass uns dahinfahren und die Kannibalen fressen uns auf. Sondern du fährst ja dahin und erhoffst dann, noch irgendeine tolle Insel oder einen Kontinent zu entdecken, der eben ganz viele Abenteuer in sich birgt. Und das ist eben eher so der kleine Junge, der voller Tatendrang ist und der hinter jeder Straßenbiegung erwartet der schon ein Abenteuer. Also das ist eigentlich das, was ich mit Terra Incognita verbinde, ein riesiges Abenteuer der Entdeckung oder der Neuentdeckung von Welten, die man eben heute oder gestern noch nicht kannte. #00:23:37.5#

Silvia Sperlich: Ja. Und da hat der kleine Junge, natürlich auch das kleine Mädchen, in seinem Entdeckerdrang auch hinter jedem Gestrüpp und hinter jedem Streifen am Himmel eine neue Geschichte entdeckt und eine neue Hoffnung und vor allen Dingen den wunderbaren Traumprinzen in Form eines Totenkopfs. #00:24:05.8#

Michel Sperlich: Das weiß ich jetzt nicht. Also ich habe jetzt von keinem Traumprinzen mit Totenkopf geträumt oder den visualisieren wollen. Aber das steckt ja immer ein Stück weit in meinen Bildern drin, dass ich da offen bin für alle Freiheiten der Interpretation. Also ich male ja nicht etwas oder ich gestalte ja nicht etwas und erwartet dann, dass die Leute genau das darin sehen. Wenn du da jetzt deinen Totenkopf im ersten Blick drin siehst und jemand anders sieht da was anderes drin, dann ist nicht das eine richtig und das andere falsch, sondern beides hat seine Richtigkeit. Und der, der da jetzt was ganz anderes drin sieht, der ist mir genauso willkommen wie deine Interpretation, dass da irgendwo ein Totenkopf drin ist, der dir aber eigentlich keine Angst bereitet … #00:25:10.5#

Silvia Sperlich: Nein. #00:25:10.2#

Michel Sperlich: … oder keinen Schauer, … #00:25:12.0#

Silvia Sperlich: Nein. Im Gegenteil. #00:25:13.3#

Michel Sperlich: … sondern was Positives. Und dann passt das wieder für mich. Wenn du jetzt sagst, ah, mich gruselt das Bild, dann würde ich das natürlich auch hinnehmen, es ist nicht so gedacht, aber wenn das die Interpretation wäre, dann wäre es halt so. #00:25:34.2#

Silvia Sperlich: Ja, aber wenn ich jetzt so tiefe Empfindungen habe beim Betrachten des Bildes, hattest du auch tiefe Empfindungen beim Schöpfen des Bildes? #00:25:45.3#

Michel Sperlich: Ja, mit Sicherheit. Und je tiefer, je mehr Schichten das Bild irgendwie hat und je mehr es voranschreitet, dann entwickelt sich das natürlich. Ich habe zu Beginn von so einem Bild nicht immer das komplette Endergebnis im Auge, sondern ich habe eine Idee oder ich habe ganz oft, wie auch bei dem Bild, hatte ich als erstes den Titel. Und der Titel ist natürlich auch ein bisschen so Thema. Das heißt, das wollte ich machen oder umsetzen, aber wie man das jetzt umsetzt, das ist was, was sich dann Schritt für Schritt irgendwie ergibt. Manchmal ist es auch, zwei Schritte vor und sieben Schritte zurück, und dann auch wieder warten, und dann ergeben sich andere Sachen, dann findet man plötzlich wieder Sachen. Also ich meine, da liegen jetzt auch ein paar Jahre dazwischen, zwischen in Hedersleben Bäume fotografieren und in Bad Orb in den Salinen sein. Da sind schon einige Jahre vergangen. Das heißt also, dass diese Motive dann irgendwann am Tag X zueinander gefunden haben, das ist sicherlich auch ein Stück Zufall. Es ist … #00:27:17.6#

Silvia Sperlich: Intuition? #00:27:19.1#

Michel Sperlich: Es ist Intuition, es ist ein bisschen natürlich Planung und Konzeption, aber es ist auch ganz viel Bauchgefühl, ganz viel Spontanität und auch ganz viel Tagesform da drin. Ich bin jetzt keiner von den Leuten, die in 400 Vorskizzen irgendetwas austüfteln und dann noch 20 Entwürfe machen und dann gibt’s die letzte Fassung, und dann ist es genau das, was sie haben wollten. Also es gibt ganz viele Bilder, wo ich dann weiß, es ist fertig, ich gehe dann drei Schritte zurück und sage: Was habe ich da jetzt gemacht? Wie ist das jetzt passiert oder wie ist das jetzt entstanden? Also das ist nur bis zu einem gewissen Grad planbar. Und das ist aber mit Sicherheit eine Art, wie man da rangeht oder wie man Bilder eben umsetzt. Es gibt ja auch Bilder, die sind über Monate entstanden und es gibt welche, die sind nach ein paar Stunden fertig. Wobei man manchmal bei denen, die nach ein paar Stunden fertig sind, vielleicht Monate der Ideen oder des Grübelns hatte und Skizzen gemacht und weiß der Teufel was, und dann zack, war es da. Genauso kann es auch umgekehrt sein bei Bildern, die sehr schnell sind, habe ich mir gar keine Gedanken gemacht und sie waren fertig. Und andere brauchen eben ewig, mit vielen Gedanken. Also das ist auch nicht kalkulierbar. #00:29:03.3#

Silvia Sperlich: Gut. Nicht kalkulierbar sind auch dann die Wahrnehmungen der Betrachter. Von daher mag ich deine Kunst sehr, sehr gerne, weil ich mich da sehr gut aufgehoben fühle, weil ich den Freiraum habe, meine eigenen Gedanken darin zu verlieren. Das war jetzt spannend zu hören, wie es überhaupt zu dem Bild gekommen ist und was sich dahinter verbirgt, welche differenzierten Schichten dieses Bild ergibt und wie es letztendlich bei mir als Betrachter ankommt. Jeder Betrachter hat da wahrscheinlich seine eigene Wahrnehmung, ich spreche jetzt ganz individuell für mich. Ich habe auf jeden Fall den Freiraum, meinen Gefühlen darin freien Raum zu lassen und das Bild so in mich aufzunehmen, wie ich es wahrnehme in den Farben, den Formen, in den Tiefen, in den einzelnen Schichten, weil das Bild sehr, sehr vielschichtig ist in seinen Strukturen und Farben, die nur sehr reduziert sind. Also ganz, ganz wenig Farben, und trotzdem entstehen so viele Schichten. Also es hat wirklich so eine 3D-Wirkung. Ich kann darin eintauchen und kann mich da in meinen Gedanken frei umsehen und wohlfühlen, erschrecken. Ich kann darin einfach ein Abenteuer sehen. Und das finde ich, ist gelungene Kunst, weil ich nicht lange hinterfragen muss, sondern so das für mich erfassen kann. #00:31:09.5#

Michel Sperlich: Das ist ja auch die Intension, also wie gesagt, Freiräume schaffen. Ich habe meine eigene private Interpretation, meinen Beweggrund gehabt, das zu machen, aber ich bin da offen für die Rezeption, wie die Leute das wahrnehmen. Und das kann ganz unterschiedlich sein. Also da darf man auch nicht eine Erwartungshaltung haben und sagen, ich erwarte jetzt, dass die Menschen das und das da drin sehen. Sondern wenn sie was anderes darin sehen, dann darf ich nicht enttäuscht sein, sondern teilweise ist das ja auch wieder sehr, sehr positiv. Es können ja Interpretationen sein, an die ich nie gedacht hätte und sie sind trotzdem im Bild. #00:32:05.0#

Silvia Sperlich: Genau. Und das ist ganz sicher so. Michel, vielen Dank für das tolle Gespräch! #00:32:15.3#

Michel Sperlich: Ich danke dir für deine tollen Fragen. #00:32:17.7#